Einführung:
Wasser hat schon immer Landschaften geformt, gezeichnet und verändert – oft langsam, manchmal brachial, aber immer nachhaltig. In Island ist diese gestaltende Kraft besonders sichtbar. Die Flüsse der Insel sind sämtlich nicht schiffbar, zu unberechenbar ihr Lauf, zu stark ihre Strömung, zu häufig ihre Veränderungen. Auf den ersten Blick wirken sie ungezügelt und gewaltig, wie rohe Natur ohne menschliche Kontrolle. Nicht ohne Grund spielt neben der geothermalen Energie auch die Wasserkraft eine zentrale Rolle bei der Energiegewinnung des Landes. Wasser ist hier nicht nur Landschaftselement, sondern treibende Kraft – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.
Die Hauptquelle der isländischen Flüsse sind die zahlreichen Gletscher, die das Hochland und die südlichen Regionen dominieren. Aus ihrem Schmelzwasser entstehen mächtige Ströme, die sich durch weite Schwemmlandebenen bewegen. Die hier gezeigten sogenannten Sanderflüsse fließen vor allem durch die flachen Ebenen der Südküste. Auf ihrem Weg lösen sie Sedimentablagerungen, vulkanisches Gestein und Mineralien aus dem Boden, reißen sie mit sich und lagern sie weiter flussabwärts wieder ab. Diese ständige Bewegung formt ein dynamisches Geflecht aus Armen, Inseln und Ablagerungen, das sich je nach Jahreszeit, Wetterlage und Schmelzwasserzufuhr immer wieder verändert.
Oben ist anders!
Erst aus der Luft erschließt sich jedoch die wahre visuelle Kraft dieser Landschaften. Auf dem Weg zum Meer lösen sich aus dem Gestein und dem Boden unterschiedlichste Mineralien, die aus der Bodenperspektive kaum wahrnehmbar sind. Doch aus der Vogelperspektive fügen sich diese Elemente plötzlich zu Bildern zusammen, als wäre ein Elefant durch das Atelier eines expressionistischen Malers getobt. Der Blick vom Himmel offenbart Strukturen, Muster und Farbkombinationen, die in ihrer Abstraktion und Intensität atemberaubend sind.
Was vom Boden aus oft ungeordnet, grau oder schlicht unspektakulär erscheint, verwandelt sich aus der Luft in ein komplexes Spiel aus Linien, Flächen und Farben. Schimmernde Blau- und Türkistöne durchziehen die Flussarme, warme Orange- und Rottöne legen sich wie Adern über den Sand. Manche Strukturen erinnern an Fischschuppen, andere an den Panzer eines chinesischen Drachen oder an abstrakte Landkarten einer fremden Welt. Entlang der Ufer wachsen Moosstrukturen, die stellenweise in einem fast surrealen Neongrün leuchten und harte Kontraste zum dunklen Vulkanboden bilden.
Bemerkenswert ist dabei, dass diese Farben vollkommen authentisch sind und nicht digital „gepusht“ wurden. Die rote Färbung in den Flüssen stammt vom Eisenoxid, das aus dem vulkanischen Gestein gelöst wird. Gelbtöne entstehen durch Mineralien aus sauren Moorböden, während das charakteristische Blau direkt aus dem feinen Gletschersediment im Schmelzwasser resultiert. Die Natur selbst übernimmt hier die Rolle des Malers.
Wo sind sie zu finden?
Dieses faszinierende Schauspiel bietet sich vor allem entlang der Südküste Islands. Die zahlreichen Gletscherflüsse mit ihren weit verzweigten Deltas durchziehen die Ebenen zwischen Hochland und Meer. Viele dieser Flüsse überquert man auf der Ringstraße fast beiläufig, besonders auf dem Weg Richtung Vík, ohne zu ahnen, welche visuellen Welten sich unter einem verbergen. Besonders ergiebig ist der Abschnitt zwischen der Stadt Selfoss und dem Wasserfall Seljalandsfoss – jener Punkt, an dem für viele Reisende „das wahre Island“ der spektakulären Naturwunder beginnt.
Gerade hier entsteht durch die Vermischung von Wasser, Sand, Lava und Mineralien eine Vielfalt an Farben und Mustern, die scheinbar nicht von dieser Welt sind. Für Fotografen mit einem Faible für abstrakte, grafische Bildkompositionen ist diese Region ein Paradies. Jede Aufnahme ist einzigartig, jede Struktur vergänglich – ein ständiger Wandel, der niemals zweimal dasselbe Bild erzeugt.
Problematiken und Zugänge
Allerdings ist dieses Naturerlebnis nicht ohne Einschränkungen zugänglich. Um diese Perspektiven selbst zu erleben und fotografisch festzuhalten, benötigt man entweder eine eigene Drohne oder die Möglichkeit, vor Ort ein Kleinflugzeug zu chartern. Seit Anfang 2021 gilt in Island die europäische Drohnenverordnung, wodurch weite Teile der Südküste unter Flugverbotszonen gestellt wurden. Diese Einschränkungen betreffen jedoch in erster Linie stark frequentierte touristische Hotspots.
Die abgelegenen Flussdeltas und Schwemmlandebenen, wie sie hier beschrieben werden, sind davon meist nicht betroffen – vorausgesetzt, man informiert sich im Vorfeld genau über aktuelle Regelungen und respektiert Natur- und Sicherheitsauflagen. Wer diesen Aufwand nicht scheut, wird mit einer Perspektive belohnt, die Island von einer völlig anderen, fast außerirdischen Seite zeigt – und eindrucksvoll beweist, dass manche Landschaften erst von oben ihre wahre Schönheit entfalten.
Aus den letzten Jahren haben ich die Highlights aus Island in drei kleinen Filmen zusammengestellt:
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