Es gibt Reisen, die man macht, um möglichst schnell irgendwo anzukommen. Und es gibt Reisen, bei denen das Langsame der eigentliche Luxus ist. Eine Hurtigrutenkreuzfahrt von Bergen nach Tromsø im Winter gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Noch schöner wird sie, wenn man sie nicht zwischen Flughafen, Einschiffung und Rückflug einquetscht, sondern ihr Raum gibt: ein paar Tage Bergen vor der Abfahrt, fünf Tage entlang Norwegens Küste und anschließend mehrere Nächte in Tromsø, damit die Arktis nicht nur ein Ziel, sondern ein Erlebnis wird.
Ideal ist ein Reiseaufbau mit drei Nächten in Bergen, der Hurtigrutenstrecke Bergen–Ålesund–Trondheim–Bodø–Tromsø und drei bis vier Nächten in Tromsø. Hurtigruten beschreibt diese Teilstrecke als fünftägige nordgehende Reise auf der klassischen Küstenroute, die von Fjordnorwegen bis in die arktische Hauptstadt führt.
Bergen vor der Einschiffung: Erst ankommen, dann ablegen
Bergen ist viel zu schade, um nur am Tag der Abfahrt aus dem Taxifenster gesehen zu werden. Die Stadt ist das Tor zu Fjordnorwegen, aber sie ist auch selbst ein wunderbarer Auftakt: Hafenstadt, Kulturstadt, Welterbestadt, Regen- und Lichtstimmung in einem.
Tag 1: Bryggen, Hafen und das erste Wintergefühl
Der erste Tag gehört dem Ankommen. Nach der Anreise geht es ohne großes Programm ans Wasser: zum Hafen, zum Fischmarkt und nach Bryggen. Die bunten Holzhäuser stehen eng am Kai, dahinter führen schmale Durchgänge in eine Welt aus altem Holz, kleinen Läden und Geschichte. Bryggen ist ein historisches Hafenviertel und gehört zum UNESCO-Welterbe; Bergen entwickelte sich bereits im Mittelalter zu einem wichtigen Handelszentrum, und die Hanse richtete dort im 14. Jahrhundert ein Kontor ein.
Im Winter wirkt Bryggen besonders atmosphärisch. Die Fassaden leuchten warm gegen den dunklen Himmel, das Pflaster glänzt, und in den Cafés sitzt man nicht, weil man muss, sondern weil genau das zum Rhythmus dieser Reise passt. Bergen sollte man langsam beginnen: ein Spaziergang, eine Fischsuppe, ein Blick auf die Schiffe im Hafen – mehr braucht es am ersten Abend nicht.
Tag 2: Mit der Fløibanen über die Stadt
Am zweiten Tag geht es hinauf auf den Fløyen. Die Fløibanen ist eine der bekanntesten Attraktionen Bergens; die Fahrt auf den 320 Meter hohen Fløyen dauert laut Betreiber etwa fünf bis acht Minuten.
Oben merkt man zum ersten Mal, wie gut Bergen als Auftakt zu einer Küstenreise funktioniert. Unter einem liegt die Stadt, dahinter Inseln, Wasser, Berge und Winterlicht. Man sieht, wo Stadt und Natur ineinander übergehen – genau dieses Motiv wird einen in den nächsten Tagen immer wieder begleiten. Wer es ruhig angehen möchte, trinkt oben einen Kaffee und wartet, bis sich Wolken, Licht und Fjordlandschaft neu sortieren. Wer mehr Bewegung braucht, kann einen kurzen Winterspaziergang auf den Wegen rund um den Aussichtspunkt einplanen.
Am Nachmittag lohnt sich Zeit für Kunst und Musik. KODE zählt sich zu den größten Museen für Kunst, Kunsthandwerk, Design und Musik in der nordischen Region und umfasst mehrere Museen sowie Komponistenhäuser. Das ist ein schöner Kontrast zur Natur draußen: ein warmer Museumsnachmittag, bevor die Reise aufs Meer führt.
Tag 3: Fjordgefühl oder Grieg-Stimmung vor der Abfahrt
Der dritte Tag in Bergen darf entweder hinaus in die Fjordlandschaft führen oder noch einmal tiefer in die Kultur der Stadt. Wer vor der Hurtigrutenreise schon Wasser und Berge sehen möchte, kann einen Fjordausflug ab Bergen einplanen. Wer es ruhiger mag, fährt nach Troldhaugen, dem früheren Zuhause von Edvard und Nina Grieg. Das Museum umfasst unter anderem die Villa von 1885, die Komponistenhütte, die Grabstätte des Paars, ein modernes Museumsgebäude und den Konzertsaal Troldsalen.
Gerade vor einer Schiffsreise ist dieser zusätzliche Tag Gold wert. Man kommt nicht gehetzt an Bord, sondern hat Bergen schon gespürt: die feuchte Luft, die alten Holzhäuser, den Blick vom Berg, den Geschmack von Fisch und Kaffee. Außerdem schafft ein Puffer vor der Einschiffung Ruhe, falls im Winter Flüge oder Anschlüsse nicht ganz nach Plan laufen. Hurtigruten weist für Bergen darauf hin, dass Gäste mindestens 30 Minuten vor Abfahrt am Terminal sein sollen.
Einschiffung in Bergen: Leinen los in die Dunkelheit
Wenn am Abend die Lichter von Bergen hinter dem Schiff kleiner werden, fühlt sich die Reise nicht wie ein Anfang aus dem Stand an, sondern wie der nächste Abschnitt einer Geschichte. Man kennt den Hafen schon. Man hat vielleicht am Vormittag noch einmal durch Bryggen spaziert, am Nachmittag die Tasche gepackt und dann am Terminal eingecheckt. Jetzt beginnt das langsame Gleiten nach Norden.
Die Hurtigruten ist keine klassische Kreuzfahrt im Sinne von Dauerprogramm und Showbühne. Sie ist Küstenroute, Verkehrslinie, Postschifftradition und Reiseerlebnis zugleich. Hurtigruten schreibt, dass die Schiffe seit 1893 Besucher, Einheimische und Fracht entlang der Küste transportieren und auf der klassischen Route 34 Häfen zwischen Bergen und Kirkenes anlaufen.
Ålesund: Jugendstil zwischen Meer und Bergen
Am nächsten Tag erreicht das Schiff Ålesund. Die Stadt liegt eindrucksvoll zwischen Inseln, Hafenbecken und Bergen und ist vor allem für ihre Jugendstilarchitektur bekannt. Hurtigruten hebt Ålesund auf dieser Route ausdrücklich als Ort mit eleganter Art-nouveau-Architektur, lebendigem Hafen und farbigen Häusern am Wasser hervor.
Im Winter wirkt Ålesund fast märchenhaft. Türmchen, Ornamente und Fassaden spiegeln sich im dunklen Wasser, während über allem dieses klare nordische Licht liegt, das nie lange bleibt. Wer Zeit hat, steigt zum Aussichtspunkt Aksla hinauf oder lässt sich einfach durch die Straßen treiben. Der Stopp muss nicht vollgepackt sein. Ein Spaziergang am Hafen, ein Blick zurück aufs Schiff, ein Kaffee im Warmen – mehr braucht Ålesund oft nicht, um in Erinnerung zu bleiben.
Weiter nach Trondheim: Küstenkino an Deck
Zwischen Ålesund und Trondheim zeigt sich, warum diese Reise mehr ist als ein Transport von A nach B. Das Schiff fährt nicht einfach über offenes Meer, sondern folgt der Küste. Mal ist Land ganz nah, mal liegen nur dunkles Wasser und vereinzelte Lichter vor den Fenstern. Im Winter wird das Deck zum Ort für kurze, intensive Momente: Mütze tief ins Gesicht, Handschuhe an, Kamera bereit, und dann wieder hinein in die Wärme.
Das Schöne an der Hurtigruten ist diese Mischung aus Alltag und Abenteuer. Reisende fotografieren Fjorde, während irgendwo Fracht verladen wird. Menschen steigen für wenige Häfen ein, andere fahren die ganze Strecke. Die Reise fühlt sich dadurch lebendiger und echter an als viele klassische Kreuzfahrten.
Trondheim: Geschichte im Winterlicht
Trondheim empfängt die Reisenden mit einer anderen Stimmung: städtischer, historischer, ruhiger. Der Weg führt fast automatisch zum Nidarosdom und weiter Richtung Bakklandet mit seinen alten Holzhäusern am Fluss. Hurtigruten nennt auf der Route ausdrücklich den Spaziergang durch Trondheims Straßen zum Nidarosdom sowie die Cafés und alten Holzspeicher von Bakklandet als Höhepunkte.
Im Winter hat Trondheim etwas Gedämpftes. Die Geschichte drängt sich nicht auf, sie steht einfach da: in Stein, Holz, Brücken, Gassen. Nach Bergen und Ålesund merkt man hier, wie vielfältig Norwegens Küste ist. Jede Stadt hat ihren eigenen Klang, ihr eigenes Tempo, ihr eigenes Licht.
Über den Polarkreis: Die Reise wird arktisch
Nach Trondheim verändert sich die Landschaft. Die Küste wird weiter, karger, dramatischer. Irgendwann liegt der Polarkreis hinter dem Schiff, und obwohl es auf der Karte nur eine Linie ist, fühlt sich dieser Moment größer an. Hurtigruten beschreibt diesen Abschnitt als Fahrt jenseits von 66 Grad Nord, in eine Welt aus Inseln, Bergen und arktischer Küste.
Jetzt beginnt der Teil der Reise, in dem man häufiger einfach schweigt. Vielleicht schneit es. Vielleicht bleibt der Himmel wolkig. Vielleicht reißt nachts plötzlich die Wolkendecke auf, und alle, die noch wach sind, stehen Minuten später an Deck. Nordlichter lassen sich nicht bestellen, aber allein die Möglichkeit verändert die Art, wie man in den Himmel schaut.
Ankunft in Tromsø: Nicht gleich abreisen
Viele Reisen enden in dem Moment, in dem das Schiff anlegt. Diese sollte es nicht. Tromsø ist zu besonders, um nach der Ankunft direkt zum Flughafen zu fahren. Die Stadt ist arktisch, aber lebendig; klein genug, um sie zu Fuß zu entdecken, und groß genug, um mehrere Tage mit Museen, Ausflügen, Cafés und Winterabenden zu füllen.
Der Winter als Zeit wechselnden Lichts, farbiger Himmel und arktischer Atmosphäre; die Polarnacht beginnt dort Ende November, und selbst die kurzen hellen Stunden sind oft von Rosa, Violett und tiefem Blau geprägt.
Tromsø am Ende: Drei bis vier Tage für die Arktis
Tag 1: Ankommen, durchatmen, Stadtlicht sammeln
Nach der Ausschiffung sollte man Tromsø nicht sofort mit Programm überladen. Ein Spaziergang durch die Innenstadt, ein Kaffee in der Storgata, ein Blick zum Hafen und zur Brücke reichen für den ersten Nachmittag. Wer noch Energie hat, geht zur Eismeerkathedrale auf der anderen Seite des Sunds. Die Ishavskatedralen, offiziell Tromsdalen Church, wurde 1965 eingeweiht und gilt mit ihrer von arktischer Natur inspirierten Architektur als Wahrzeichen der Stadt.
Am Abend beginnt der Teil, auf den viele warten: die erste bewusste Nordlichtnacht. Tromsø liegt im Zentrum des Nordlichtovals, und die Nordlichtsaison dauert von September bis Anfang April. Ob man eine geführte Tour bucht oder auf eigene Faust dunklere Orte sucht, hängt von Wetter, Budget und Abenteuerlust ab. Wichtig ist nur: warm anziehen, Geduld mitbringen und nicht enttäuscht sein, wenn die Arktis sich Zeit lässt.
Tag 2: Polarstadt, Museen und ein langsamer Abend
Der zweite Tag gehört der Stadt selbst. Tromsø ist nicht nur Ausgangspunkt für Ausflüge, sondern hat eine eigene Geschichte als Tor zur Arktis. Das Polarmuseum erzählt in historischen Gebäuden von Polar- und Jagdgeschichte, Überwinterungen, Expeditionen und der Kulturgeschichte Spitzbergens.
Danach darf der Tag ruhig werden. Ein gutes Mittagessen, ein Bummel durch kleine Geschäfte, vielleicht ein Besuch in einer Bar oder ein Abendessen mit Blick auf den Hafen. Gerade nach mehreren Tagen an Bord ist es schön, wieder selbst über das Tempo zu bestimmen. Tromsø funktioniert im Winter nicht über große Sehenswürdigkeiten allein, sondern über Atmosphäre: Schnee auf den Straßen, warme Fenster, Berge im Hintergrund, Meer in Sichtweite.
Tag 3: Husky, Rentier, Fjord oder Wal
Für den dritten Tag lohnt sich ein Ausflug in die Umgebung. Je nach Interessen kann das eine Hundeschlittentour, ein samisches Erlebnis mit Rentieren, eine Fjordfahrt oder eine Schneeschuhwanderung sein. mögliche Aktivitäten für den Winter sind unter anderem Nordlichter, Hundeschlitten, samische Erlebnisse, Walbeobachtung, Schneemobil, Bootstouren, Fjordausflüge sowie Ski- und Schneeschuhtouren.
Wer zwischen November und Januar reist, kann auch über eine Walbeobachtung nachdenken. In der Region Tromsø ziehen Wale in dieser Zeit auf der Suche nach Hering zur Küste; die Touren finden allerdings auf Naturbedingungen statt, und Sichtungen können nicht garantiert werden.
Tag 4: Ein Puffertag für Wetter, Licht und Glück
Wer kann, hängt in Tromsø noch eine vierte Nacht an. Nicht, weil man unbedingt noch eine Attraktion abhaken müsste, sondern weil das Wetter im Norden den Takt vorgibt. Ein zusätzlicher Tag erhöht die Chance auf klare Sicht, entspannte Ausflüge und vielleicht doch noch Nordlichter, falls die ersten Nächte bewölkt waren.
Dieser Puffertag ist auch emotional wichtig. Nach der Reise von Bergen bis Tromsø fühlt sich die Küste nicht mehr wie eine Linie auf der Karte an, sondern wie eine Abfolge von Bildern: Bergen im Hafenlicht, Ålesund im Jugendstil, Trondheim im Wintergrau, das dunkle Meer jenseits des Polarkreises, Tromsø unter arktischem Himmel.
Praktische Tipps für die erweiterte Winterreise
Für die gesamte Reise lohnt sich funktionale Kleidung mehr als elegantes Gepäck: warme Baselayer, winddichte Jacke, Mütze, Handschuhe und Schuhe mit gutem Profil. An Deck kann es eisig werden, und in Tromsø steht man nachts oft länger draußen, als man vorher glaubt.
Für Fotos sind Ersatzakkus wichtig, weil Kälte Akkus schneller schwächt. Ein kleines Stativ hilft bei Nordlichtaufnahmen, aber das wichtigste Zubehör bleibt Geduld. Die schönsten Momente passieren selten dann, wenn man sie erzwingen will.
Plane Bergen und Tromsø nicht als bloße Vor- und Nachübernachtung. Bergen ist der weiche Einstieg in die Reise, Tromsø ihr arktisches Nachklingen. Zusammen machen sie aus einer fünftägigen Hurtigrutenetappe eine Winterreise von etwa elf bis zwölf Tagen – langsam, küstennah und voller Stimmungen, die man im Sommer so nicht erlebt.
Fazit: Mehr Zeit macht diese Reise größer
Die Hurtigrutenstrecke von Bergen nach Tromsø ist schon für sich ein eindrucksvolles Wintererlebnis. Aber erst mit mehreren Tagen in Bergen am Anfang und mehreren Tagen in Tromsø am Ende bekommt die Reise Tiefe.
Bergen bereitet einen vor: mit Hafen, Bergen, Bryggen, Kultur und Fjordgefühl. Die Hurtigruten trägt einen dann Stück für Stück nach Norden, vorbei an Ålesund, Trondheim und über den Polarkreis. Tromsø schließlich lässt die Reise nicht abrupt enden, sondern öffnet die Tür zur Arktis: zu Nordlichtern, Polargeschichte, Winterausflügen und diesem besonderen Licht, das auch dann bleibt, wenn man längst wieder zu Hause ist.
Aus den letzten Jahren haben ich die Highlights aus Island in drei kleinen Filmen zusammengestellt:
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Es kann auch ein Fotoreiseführer mit Drohnenspots (als pdf) mit 230 Seiten für 110 Spots auf Island
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Bei vorhandenem Interesse schreibt mir kurz eine Mail.
Beispielhafte Darstellung des Reiseführers




















