Auslangslage
Das Matterhorn ist wahrscheinlich der meistfotografierte Berg der Alpen. Die Bilder, vom Stellisee oder Riffelsee aus, finden sich zu Hunderten im Internet.
Bisher hatte ich diese Location, auch aufgrund der horrenden Preise in der Schweiz, gemieden. Allein die 30 min für die Gornergratbahn retour kosten 114CHF. Eine kleine Pizza für 25CHF oder ein Wasser auf den Hütten für 9 CHF, da überlegt man es sich nicht nur zweimal, ob man sich diesem finanziellen Overkill wirklich aussetzten möchte.
Vor einigen Wochen sah ich dann eine wirklich faszinierende Doku über die Erstbesteigung 1865. Selbst als Anfang des 19. Jahrhunderts alle Alpengipfel erobert wurden, galt das Matterhorn noch lange als uneinnehmbar. Erst im Juli 1865 machten sich rivalisierende Teams verschiedener Nationen an den Aufstieg. Die britisch-schweizerisch-französische Seilschaft erreichte den Gipfel von der Nordseite her, als erste vor den Italienern, die vom Süden her kamen. Doch beim Abstieg stürzten vier der sieben Gipfelstürmer in den Tod.
Das damit quasi verbundene kriminalistische Rätsel über den Unfall beim Abstieg, zusammen mit der Tatsache, das mich die Anreise nach Basel mit meiner BahnCard 100 ganze € 3,90 kostet, ließ mich das ganze neu überdenken.
Also reifte der Plan zwei Nächte am Berg zu verbringen und mir ein eigenes Bild zu machen. Zudem war für dieses Wochenende klarer Himmel, Neumond und das alljährliche Perseidenspektakel vorhergesagt.
Anreise
Allerdings stand dieser Kurztrip unter keinem guten Stern (das Wortspiel musste sein). Nach gefühlt monatelangem Hochsommer und einer Jahrhunderttrockenzeit machte sich am Vorabend meiner Abreise das Sturmtief „Oriana“ daran Norddeutschland heimzusuchen. Die Folge: alle Bahnverbindungen über Hannover und Bremen Richtung Süden waren am Freitag unpassierbar, das Hotel in Basel gebucht und der Urlaub schon genommen.
Ich machte mich also zu einer Ochsentour über Berlin und den gesamten Osten auf, um den stillgelegten Bereich zu umfahren und kam nach 12 Std völlig fertig in Basel an. Glücklicherweise hatte ich diese Zwischenübernachtung mit eingeplant, da für die nächsten zwei Nächte nur mit wenig Schlaf zu rechnen war.
Vor Ort
Nach Ankunft in Zermatt, ging es gleich über eine Zwischenstation zur Station Blauherd und von dort in wenigen Minuten zum Stellisee. Nach gefühlten Monaten bei über 30 Grad in Hamburg eine willkommene klimatische Abkühlung. Da steht er nun. „Der Berg“ schlechthin. „Das Bild“ einen Berges, den man hätte erfinden müssen wenn es ihn nicht gäbe. Eine massive Pyramide in perfekter Proportion. Aber das individuelle Berg Erlebnis gibt es bei dem „Venedig der Berge“ nur eingeschränkt.
Hatte ich vor wenigen Wochen noch des Seceda Gipfel mit 4 zeltenden Fotografen fast für mich allein, wurde ich hier sehr schnell von der Vorstellung einer ruhigen Nacht am Berg geheilt.
Nach 11 Zelten hörte ich aus zu zählen, aus der nahen Flualp kamen noch etliche weitere Fotografen am Abend hinzu. In der Spitze drängelten sich 30 – 40 Fotonerds aus aller Welt um die besten Plätze. Bis zum nächsten Morgen um 08:00 wurde fast durchgängig die ganze Nacht das Ufer des Sees belagert. Startende Drohnen verwandelten die Gegend in einen Flughafen, nur ohne Tower. Wieder ist mir hier aufgefallen wie viele Fotografen sich damit begnügen, die ganze Zeit über immer und immer wieder aus der gleichen Position zu fotografieren. Neue Perspektiven zu entdecken, kommt für viele scheinbar nicht in Betracht. Und von diesen gibt es, wie ich finde, ein ganze Menge.
Eigentlich sollte dieses Wochenende mit der höchsten Aktivität der Perseiden, dieses Jahr mit Neumond zusammenfallen, so dass im besten Fall bei wolkenlosem Himmel die Meteore extrem deutlich zu sehen sein sollten. Zum Maximum flammen eigentlich über hundert Sternschnuppen in einer Stunde auf. Darunter sind auch sehr helle Exemplare, die als Boliden oder Feuerkugeln sichtbar werden. Aber nichts da, alle habe sich am nächsten Morgen gefragt, wo die bitte schön geblieben sind. Viele haben auch auf den Moment gewartet, dass die Milchstraße genau über dem Matterhorn steht. Instagram sei dank, wollen alle das selbe Bild machen. Tatsächlich war zu diesem Zeitpunkt das Zentrum der Milchstraße schon wieder verschwunden, zudem finde ich eine weniger symmetrische Bildgestaltung viel attraktiver.
Weiter geht’s …
Um die Kosten weiter gering zu halten, bin ich dann über den 5 Seenweg weiter zur Riffelalp und von vor dort mit der Gornergratbahn hinauf zum Riffelsee und zum Gornergrat selbst.
So muss man nicht die Fahrt hinunter und von Zermatt wieder komplett hinauf bezahlen, sondern spart sich 1 ½ Fahrten. Außerdem ist man schließlich nicht nur zum sich „Transportieren lassen“ vor Ort. Ein paar Stunden 17 Kilo Ausrüstung in den Bergen zu schleppen macht schließlich auch Spaß.
Nachmittags erreichte ich dann den Gornergrat auf 3100 m mit dem 400€ pro Nacht teurem Luxushotel. Erschreckend ist, wenn man Bilder von vor wenigen Jahren sieht, wie weit sich der Gletscher dort zurückgezogen hat. Trotzdem ist das Panorama von dort immer noch extrem beeindruckend. Wenn sich Wolkenberge über die schneebedeckten Hänge der italienischen Seite kämpfen, ist das ein tolles Schauspiel. Seit Island bin ich eh ein großer Gletscher-Fan.
Leider ereilte mich auf dem Weg zum Riffelsee ein weiteres Missgeschick. Die Sohle meines linken Schuh löste sich fast komplett, ich musste an dieser Stelle leider abrechen und unfreiwilliger weise noch eine zusätzliche Übernachtung in Zermatt einlegen.
Hier wurde mir auch gleich noch sehr drastisch vor Augen geführt, wie stark sich der ganze Bereich „disneyfiziert“ hat. Auf der Straße gab es unentwegt Gruppen von Fahnenschwenkern, Alphornbläsergruppen oder komplette Ziegenbockherden von zumeist asiatischen Reisegruppen zu bestaunen. Spätestens wenn japanische Restaurants ihrer Ramen Suppen mit dem Hinweis „hier halal“ anpreisen, weiß man was das Stündlein geschlagen hat. Zermatt ist am Ende auch nur Venedig, nur das die Touristen nicht mit dem Kreuzfahrtschiff kommen.
Fazit
Wenn ich also rückblickend zusammenfasse: Sturmtief mit Streckensperrung, keine Perseiden und kaputter Stiefel: das war keine ideale Tour. Trotzdem: das Matterhorn ist von seiner Optik her schon einmalig. Das hat mich nicht zum letzten Mal gesehen. Allerdings würde ich für den nächsten Besuch, eher die winterliche Jahreszeit wählen.























