Öffentlicher Raum – Primat des Kapitals?
Instagram-taugliche U Bahnhofsgestaltung mit überdimensionalen Riesenlampen, futuristische Glas-Metall Dinosaurier Skelett Konstruktionen, an Sience-Fiction Raumschiff Settings erinnernde Gestaltung im öffentlichen Raum.
Nachdem ich die abstoßende Neugestaltung der Citytunnelhaltestellen in Hamburg miterleben musste, die vom Wanddesign an schlimmste 80er Jahre Sünden anzuknüpfen scheint, die Säulen in I-phone kompatible Kunststoffschalen packt und ansonsten durch eine maximale Anzahl von „Bewegt-Werbungsflächen“ Installationen glänzt, war es eine Wohltat zu sehen, das es in einer „Fast-Großstadt“ durchaus anders laufen kann. Lediglich die neuen Stationen der U4 in der Hafencity in Hamburg können hier konkurrieren.
An vielen der insgesamt 100 Münchner Haltestellen kann man Licht- und Farbkunstwerke von weltbekannten Künstlern erleben, Mini-Kunstausstellungen besichtigen und beobachten, wie sich Architektur und Design mit den Besonderheiten des jeweiligen Ortes auseinandersetzen.
Damals zu Heute:
Den Anspruch zu haben, dass viele Bahnhöfe ein eigenes originäres Erscheinungsbild besitzen, hat sich aber erst in den neunziger Jahren entwickelt. Das war in den Anfangsjahren der Münchner U-Bahn noch ganz anders: Als Mitte der 1960er-Jahre die ersten Ausschreibungen für U-Bahnhöfe an Architekturbüros verschickt wurden, war das Interesse eher gering. Lediglich 7 Einreichungen hatten die Preisrichter zu bewerten. Untergrundarchitektur wurde als wenig interessant und einträglich angesehen.
Als 1971 die erste Linie zwischen Kieferngarten und Goetheplatz fertiggestellt war, die heutige U6, sahen die Bahnhöfe mehr oder weniger gleich aus. Die Stationen waren nach dem Baukasten-Prinzip des Architekten Paolo Nestler gestaltet: Farbige, gekachelte Stützpfeiler, weiße Decke und eine in Pastelltönen gehaltene Wand hinter den Gleisen – fertig war das Stationsdesign.
Im Laufe der Achtziger-Jahre änderte sich diese Einstellung allmählich; aber auch die vorgesehenen Finanzmittel für die Gestaltung der Bahnhöfe wurden aufgestockt. Die architektonische Individualisierung begann, Gemälde und Skulpturen zierten die Wände. In den Neunzigerjahren folgte dann das Konzept der Designbahnhöfe: Um Fahrgäste zu locken, wollte die Münchner U-Bahn mehr und mehr auch ästhetisch gefallen.
Transparent und übersichtlich sollen die Bahnhöfe gestaltet sein, um für Sicherheit und reibungslose Abläufe an den Gleisen zu sorgen und mit ihrem ansprechenden Äußeren gleichzeitig die Hemmschwelle für Vandalismus zu erhöhen. (Man sehe sich nur einmal das gesammelte Erscheinungsbild der Berliner U-Bahn Stationen an.) Unter dieser Vorgabe gestalten nun weltbekannte Künstler wie Ingo Maurer die Farbgebung und die Lichtführung in den Stationen.
Beispiele:
# instagramability
Ganz klar ist diese Station der Star in allen Fotonetzwerken und den üblichen pseudosozialen Netzwerken: Elf Riesenlampen mit einem Durchmesser von 3,80 Meter hängen in der 1998 eröffneten Station Westfriedhof von der Decke und tauchen den Bahnsteig in gelbes, rotes und blaues Licht. Zusammen mit den blau angestrahlten, roh belassenen Gleiswänden erzeugen sie im Bahnhof eine fast schon mystische Höhlenatmosphäre.
Ausnahme in Orange
Die Station Marienplatz war 1971 der einzige U-Bahnhof, der aus dem Baukasten-Schema ausbrechen durfte. Hier setzte der Münchner Architekt Alexander von Branca ein architektonisches Zeichen: In sattem U 3-Orange, statt wie zu dieser Zeit üblich, in gedeckten Pastelltönen, leuchten daher die Bahnsteigwände. Die gekachelten Aufgänge bilden dazu in Ultramarinblau und Blaugrün einen kräftigen Kontrast.
„Historismus“
Statt mit Werbeplakaten, ist die weiße Röhre der Station Lehel in München dezent mit historischen Fresken und Porträt-Büsten ausgestattet. Neben griechischen Säulen sind in die weißen Aluminiumbleche, die die ganze Station verkleiden, auch mittelalterliche Heldendarstellungen und mythologische Tierfiguren eingearbeitet. Schließlich befinden sich die Archäologische Staatssammlung und das Bayerische Nationalmuseum in direkter Gehentfernung.
Freiheit in Blau
Im Licht- und Farbdesign des Münchner Lampenkünstlers Ingo Maurer leuchtet der U-Bahnhof Münchner Freiheit. Bei der Renovierung 2008/2009 hat Maurer Tausende LED-Leuchten in der Decke montiert und dadurch das ursprüngliche Stationsdesign wirkungsvoll aktualisiert: Die blau gekachelten Stützpfeiler am Bahnsteig leuchten nun von innen heraus und bilden einen Kontrast zu der neuen, hellgelben Blechverkleidung an den Wänden.
Regenbogen auf flämisch
Am Candidplatz ausgestiegen, empfängt einen die Farbpalette des flämischen Renaissance-Malers Peter Candid, der im 16. Jahrhundert für die Münchner Residenz und einige Kirchen Kunstwerke und Altarbilder schuf. Der gesamte Bahnsteigbereich, also Wände, Säulen und Decken, ist in einem regenbogenartigen Farbverlauf bemalt. Am Nordende beginnt es mit violett und geht über rot, gelb und grün bis dunkelblau am südlichen Bahnsteigsende
Labyrinth
„Ornament“ hat der Bildhauer Rudolf Herz seine Gestaltung der Südwand des Bahnhofs Oberwiesenfeld hinter den Gleisen genannt. Wer von vorne darauf blickt, sieht darin nichts anderes als scheinbar ungeordnete schwarze und weiße Quer-und Längsbalken. Erst beim Blick aus seitlicher Perspektive – etwa von der Rolltreppe aus – ergeben die Balken ein schwarz-weißes Labyrinth
Fotoalbumwald
Durch einen 19 Meter langen Deckenschlitz der Station Moosach dringt Tageslicht auf den Bahnsteig, an der Decke sind zusätzlich durchsichtige Pendelleuchten aus Glas angebracht.. Um eines der Motive auf den 76 000 Fotos hinter den beiden Gleiswänden zu erkennen, wird das Licht für die Fahrgäste wohl trotzdem nicht reichen – denn jedes Einzelfoto hat gerade mal ein Format von 11 mal 15 Zentimetern. Ein Jahr lang hat der Künstler Masayuki Akiyoshi die Umgebung von Moosach fotografiert und Motive aus Architektur, Infrastruktur und Pflanzenwelt in ein 120 Meter langes Wand-Fotoalbum einsortiert.
futuristisches Glas-Metall Dinosaurier Skelett
Am St.-Quirin-Platz wurde die dortige Hangkante in die Bahnhofsgestaltung aufgenommen und mit einer aufwendigen Dachkonstruktion überspannt. Als einziger eigentlich unterirdischer U-Bahnhof in München ermöglicht er es durchfahrenden U-Bahn-Passagieren, einen kurzen Blick „nach draußen“ (in die Grünanlage Am Hohen Weg) zu werfen.
Shopping
Die Wände der Station Olympia-Einkaufszentrum sind mit metallischen Pyramidenelementen verkleidet, die interessante Licht- und Spiegelungseffekte erzeugen. Unter den dunkelblauen Decken sind ellipsoide Verstrebungen abgehängt, in denen sich ein Teil der Bahnsteigbeleuchtung befindet.
Prosit
Der Bahnhof Theresienwiese lehnt sich in der Gestaltung an einen Brauereikeller an.
Diese Liste ließe sich problemlos erweitern. Fakt ist, das sich in München, in Bezug auf Gestaltung des öffentlichen Nahverkehrsraums, ein wohltuende Kontrast zu dem hamburgischen Primat des Kapitals und dem Berliner „shabbyIsmus“ etabliert hat.













