Vulkanismus um den Mývatn-See – Islands rohe Kraft erleben
Island ist ein Land der Extreme. Kaum irgendwo sonst auf der Welt liegen Gegensätze so dicht beieinander: Eis und Feuer, Stille und Zerstörung, uralte Landschaften und geologische Prozesse, die noch immer im Gange sind. Besonders eindrucksvoll lässt sich diese Urkraft im Norden der Insel rund um den Mývatn-See erleben. Hier tritt der Vulkanismus nicht versteckt oder abstrakt auf, sondern offen, sichtbar und spürbar – eine Landschaft, die permanent daran erinnert, dass Island geologisch gesehen ein sehr junger und lebendiger Ort ist.
Die Region rund um den Mývatn vereint auf engem Raum geothermal aktive Hochtemperaturfelder, ausgedehnte Lavaflächen, Kraterseen, dampfende Fumarolen und tektonische Bruchzonen. Für Geologie-Interessierte ist sie ein Freilichtmuseum, für Fotografen eine nahezu überwältigende Ansammlung an Motiven, für Wanderer ein Terrain, das gleichermaßen Respekt einfordert wie Neugier weckt. Wer Islands Energie wirklich verstehen will, sollte diesem Gebiet mehr als nur einen kurzen Zwischenstopp gönnen.
Krafla – Vulkan und Vulkansystem
Die Krafla ist kein einzelner Vulkan im klassischen Sinne, sondern ein komplexes Vulkansystem, das sich über rund 100 Kilometer Länge durch den Norden Islands zieht. Es umfasst mehrere Krater, Spaltensysteme und geothermal aktive Zonen. Nur etwa fünf Kilometer östlich des Mývatn-Sees führt die Ringstraße 1 direkt durch dieses Gebiet und eröffnet den Zugang zum bekannten Námaskarð-Pass und dem Hochtemperaturfeld Hverarönd.
Hier zeigt sich Island von seiner rauesten Seite. Schon beim Aussteigen aus dem Auto wird klar, dass dies kein gewöhnlicher Ort ist: Der Boden ist warm, teils instabil, aus der Erde steigen Dampfsäulen auf, es zischt, brodelt und blubbert aus unzähligen Öffnungen. Der intensive Schwefelgeruch liegt schwer in der Luft und macht unmissverständlich deutlich, dass die Erdkruste hier dünn ist – erschreckend dünn.
Visuell ist die Region ein extremer Kontrast zum sonst typischen Islandbild. Statt moosigem Grün und schwarzer Lava dominieren hier Gelb-, Orange- und Rottöne, durchzogen von grauen, blauen und weißen mineralischen Ablagerungen. Schlammbecken kochen, Fumarolen stoßen Dampf aus, und der Boden wirkt, als sei er ständig in Bewegung. Für Fotografen ist Hverarönd ein Paradies – aber auch eine Herausforderung, denn Licht, Dampf und Farben verändern sich im Minutentakt.
Geologisch blickt die Krafla auf eine dramatische jüngere Vergangenheit zurück. Zwischen 1975 und 1984 erschütterten die sogenannten Krafla-Feuer die Region. Mehrere Ausbrüche, Magmenaufstiege und Bodensenkungen formten die heutige Landschaft. Die Lavafelder, Risse und Krater, die heute scheinbar still daliegen, sind das Ergebnis dieser vergleichsweise jungen Ereignisse. Und auch wenn die Krafla aktuell ruhig erscheint, zeigen die dampfenden Felder unmissverständlich: Dieser Vulkan ist nicht erloschen, er ruht lediglich.
Alternative zur Erholung – Geothermales Naturbad Mývatn
Nach der intensiven Konfrontation mit Hitze, Dampf und Schwefel bietet sich ein wohltuender Kontrast: das Geothermische Naturbad Mývatn. Nur wenige Kilometer vom Hochtemperaturgebiet entfernt, ist es eine ruhige Alternative zur berühmten Blauen Lagune im Süden Islands, die längst zu einem touristischen Hotspot geworden ist.
Das Naturbad fügt sich harmonisch in die vulkanische Landschaft ein. Statt spektakulärer Architektur steht hier das Naturerlebnis im Vordergrund. Das mineralreiche, milchig-blaue Wasser wird geothermisch erwärmt und bietet ideale Bedingungen zur Entspannung – besonders nach längeren Wanderungen durch Lavafelder und Kraterlandschaften.
Ein besonderes Erlebnis ist der Besuch in den frühen Morgenstunden oder am Abend. Wenn kühle Luft auf das warme Wasser trifft, steigen Nebelschwaden auf und verleihen dem Ort eine fast mystische Stimmung. Im Hintergrund zeichnen sich Lavaformationen und sanfte Hügel ab – ein Moment, in dem sich Erholung und Naturbeobachtung perfekt verbinden.
Kratersee Viti – Feuer im Herzen der Erde
Weiter nördlich innerhalb des Krafla-Systems liegt der Kratersee Viti, dessen Name auf Isländisch „Hölle“ bedeutet. Der See entstand durch eine Explosion während eines Ausbruchs und füllt heute den Krater mit intensiv blau gefärbtem Wasser. Dieser Farbton steht in starkem Kontrast zu den schwarzen Lavawänden und den ockerfarbenen, mineralisch gezeichneten Kraterrändern.
Viti wirkt fast surreal. Das Wasser erscheint ruhig und einladend, doch die steilen Kraterwände und der Schwefelgeruch erinnern daran, wie gewaltsam dieser Ort entstanden ist. Besucher können direkt bis zum Krater fahren und den See von oben betrachten. Der frühere Rundweg um den Krater ist inzwischen gesperrt, was das Erlebnis etwas einschränkt, der Anblick bleibt jedoch eindrucksvoll.
Gerade die Nähe zum Kraterinneren vermittelt ein Gefühl von Ehrfurcht. Hier wird sichtbar, wie nah Oberfläche und Magmawelt in Island beieinanderliegen – eine direkte Begegnung mit den Kräften, die die Insel formen.
Leirhnjúkur – Wandern auf der vulkanischen Speerspitze
Eines der eindrucksvollsten Erlebnisse rund um den Mývatn ist die Wanderung am Leirhnjúkur. Diese Vulkanspalte war zuletzt 1984 aktiv und ist damit einer der jüngsten Ausbruchsorten Islands, die heute problemlos zugänglich sind. Die Rundwanderung dauert etwa zwei Stunden und führt durch eine Landschaft, die wirkt, als sei sie erst gestern entstanden.
Schwarze Lavafelder ziehen sich in alle Richtungen, durchzogen von Rissen, Kratern und dampfenden Spalten. An vielen Stellen steigt noch immer Wasserdampf aus dem Boden, kleine Schwefelfelder setzen farbige Akzente, und der Untergrund fühlt sich stellenweise warm an. Die Wanderung ist sicher, doch die Präsenz der vulkanischen Aktivität bleibt allgegenwärtig.
Fotografisch ist Leirhnjúkur ein Ausnahmeort. Die Kombination aus tiefschwarzer Lava, rötlichen Kraterwänden, weißen Dampfschwaden und dem oft strahlend blauen Himmel erzeugt starke Kontraste. Besonders eindrucksvoll ist der Besuch zum Sonnenaufgang. Wenn das erste Licht durch die Dämpfe bricht, entstehen mystische, beinahe unwirkliche Stimmungen, die die rohe Schönheit Islands eindrucksvoll widerspiegeln.
Fazit – Wo Island atmet
Die Region rund um den Mývatn-See ist mehr als nur ein Reiseziel. Sie ist ein Ort, an dem Island atmet. Ob man die brodelnden Fumarolen von Hverarönd erlebt, im geothermischen Naturbad entspannt, den tiefblauen Kratersee Viti bestaunt oder auf den noch warmen Lavafeldern von Leirhnjúkur wandert – überall wird die geologische Kraft der Insel spürbar.
Hier erzählt die Erde ihre Geschichte nicht leise, sondern mit Dampf, Hitze, Farben und Formen. Wer sich auf diese Landschaft einlässt, versteht Island ein Stück besser – nicht als Postkartenmotiv, sondern als lebendigen, sich ständig wandelnden Organismus.
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Beipsielhafte Ansicht des Reiseführers.
















