Dolomiten trotz „Overtourism
Zwischen ikonischer Schönheit und fotografischer Ernüchterung
Für Landschaftsfotografen sind die Dolomiten derzeit einer der wohl begehrtesten Hotspots weltweit. Kaum eine andere Region vereint derart spektakuläre Geologie, markante Formen und ein so charakteristisches Licht. Zwei Wochen lang habe ich mich vor Ort umgesehen, bekannte Fotolocations besucht, weniger frequentierte Wege erkundet und versucht, hinter die Fassade der perfekt inszenierten Bilder zu blicken.
Was dabei schnell deutlich wird: Die Dolomiten sind kein Geheimtipp mehr – und wollen es auch nicht sein.
Ein Alpenklassiker im Dauerbetrieb
In ihrer aktuellen Nutzung erinnern die Dolomiten stark an Island, allerdings mit anderer Gewichtung. Wo dort Reisebusse und Mietwagenkolonnen dominieren, teilen sich hier unterschiedlichste Gruppen den Raum. Horden von Rennradfahrern und Mountainbikern – mittlerweile bevorzugt mit elektrischer Unterstützung – kämpfen sich über Pässe und Schotterwege. Dazu kommen Wanderer, Kletterer und eine stetig wachsende Zahl an Content-Produzenten.
Besonders präsent: sich selbst inszenierende Instagram-Girls, die in den frühen Morgenstunden um Bergseen tanzen, während Kameras und Drohnen auf Autopilot laufen. „Adventure“-Videoblogger nutzen die Landschaft eher als Kulisse denn als Motiv, der Blick bleibt oft auf sich selbst gerichtet. Natur wird Hintergrund, nicht Hauptdarsteller.
Gewöhnungsbedürftig sind auch die perfekt choreografierten Fotoshootings asiatischer Brautpaare, die sich in vollständiger Hochzeitsmontur auf über 2.500 Metern Höhe in Szene setzen lassen. Assistenten, Fotografen und Drohnenpiloten umschwirren das Paar, während ringsum Wanderer stehen bleiben und staunen. Fotografisch beeindruckend, atmosphärisch jedoch oft befremdlich.
Fotografie zwischen Geduld und Timing
Und trotzdem: Wer bereit ist, sich dem Rhythmus der Berge anzupassen, wird belohnt. Denn jenseits des Trubels entfalten die Dolomiten ihre wahre Stärke zu Tageszeiten, in denen viele noch schlafen oder bereits beim Aperitif sitzen.
In den frühen Morgenstunden, wenn Nebel in den Tälern hängt und die ersten Sonnenstrahlen die hellen Dolomitwände in warmes Orange tauchen, gehört die Landschaft für kurze Zeit wieder sich selbst. Auch die späten Abendstunden, wenn das Licht flacher wird und die Formen an Tiefe gewinnen, bieten fotografische Momente von außergewöhnlicher Schönheit.
Gerade dann zeigt sich, warum diese Region seit Jahrzehnten Fotografen anzieht: Die markanten Zacken, die klaren Linien, das Spiel aus Licht und Schatten – kaum eine alpine Landschaft wirkt so grafisch und gleichzeitig so monumental.
Mehr als nur Fotolocation
Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor ist die kulturelle Mischung Südtirols. Die Verbindung aus italienischer Leichtigkeit und österreichischer Bodenständigkeit spiegelt sich nicht nur in Architektur und Sprache wider, sondern auch in der Küche. Nach einem langen Fototag sind ein Teller Pasta, ein Glas Lagrein oder ein klassisches Knödelgericht mehr als nur Stärkung – sie sind Teil des Gesamterlebnisses.
Fazit: Trotz allem ein Ort zum Wiederkommen
Ja, die Dolomiten leiden unter Overtourism. Manche ikonischen Spots fühlen sich zeitweise eher wie Freilichtbühnen an als wie Hochgebirge. Wer jedoch bereit ist, früh aufzustehen, Wege abseits der bekannten Instagram-Pfade zu gehen und Geduld mitzubringen, wird mit Bildern belohnt, die weit über das Klischee hinausgehen.
Trotz – oder vielleicht gerade wegen – dieser Gegensätze bleiben die Berge Südtirols ein Ort, der fasziniert, fordert und immer wieder zum Wiederkommen einlädt. Für Fotografen ebenso wie für alle, die bereit sind, hinter die perfekte Oberfläche zu schauen.
Ein paar Anmerkungen zu den einzelnen Locations:
Top Spot: Rückseite Drei Zinnen und der Paternsattel
Der Weg zwischen der Auronzohütte und der Lavaredohütte ist für viele nur Durchgangsweg zur Vorderseite der Drei Zinnen und damit gänzlich unterbewertet. Auf dem gesamten Weg hat man die Cadini di Misurina Gruppe vor Augen. Mit ihren spitzen Türmchen für mich eine der schönsten Gipfelgruppen in der Region und besonders zum Sonnenuntergang schön beleuchtet.
Den besten Blick auf die umliegenden Berge hat man meiner Meinung nach auf Höhe der Alpini-Kapelle, die sich auf der Hälfte der Strecke zwischen den beiden Hütten befindet.
Für eine Übernachtung empfiehlt sich in jedem Fall die Lavaredohütte. Die bessere Aussicht, das bessere Essen, nur 20 min vom Paternsattel entfernt (ein klassischer Sonnenuntergangsspot) und auch in der Übergangszeit, wenn noch Schnee liegt, gut und ungefährlich zu erreichen. Zudem hat man dort ein echtes Hüttenfeeling, die Auronzohütte mit der direkten Parkplatz- und Busanbindung hat denn doch eher einen Charme zwischen Jugendherberge und Betriebskantine.
Top Spot: Vorderseite Drei Zinnen
Jeder kennt die Vordersichten und Panoramen von knapp oberhalb der 3 Zinnenhütte. Von meiner Seite sei gesagt, kommt lieber, wenn noch Schnee liegt und die Hütte noch geschlossen ist. Die Steinwüste hat durch den Schnee weitaus mehr Struktur und man tritt sich nicht so auf die Füße.
Besonders beeindruckt haben mich allerdings die beiden Seen knapp unterhalb der Hütte in halb zugefrorenen Zustand. Die beiden Seen sind jeweils etwa 150 Meter mal 100 Meter groß und spiegeln verschiedene Gipfel der Sextener Dolomiten wie Paternkofel oder Schusterplatte wieder.
Beide Spots sind in der Nacht und zum Sonnenaufgang perfekt.
Top Spot: St Maddalena (Villnösstal)
Hier gibt es zwei klassische Spots, einmal die Kirche St Johann in Ranui und die Kirche St. Magdalena, in beiden Fällen mit der Geisslergruppe im Hintergrund. Besonders nett zum Sonnenuntergang, wenn die Berge angestrahlt werden.
Die Kirche St Johann ist allerdings Privatgrund und hier hat der Hype in den Netzwerken bereits dazu geführt, das um das Gelände ein hoher Zaun mit Drehkreuz und Drohnenverbotsschilder aufgestellt wurde. Venedig lässt grüßen.
Wer den Geisslerspitzen von dieser Seite nah kommen möchte, kann sich von der Zanser Alm aus auf den „Adolf Munkel Weg“ begeben. Dieser führt direkt parallel unter den steilen Gipfeltürmen an verschiedenen Almhütten vorbei.
Top Spot: Pragser Wildsee
Hier hat die touristische Überflutung bereits ihr letztes Stadium erreicht. Früh morgens zwischen 05:00 und 08:00 und abends ab 17:00 findet man noch schöne einsame Stellen, den klassischen Fotospot etwas oberhalb des alten historischen Bootsanlegehäuschens muss man sich aber auch dann mit mindestens 5 – 10 Fotokollegen teilen.
Hat man entsprechendes Kleingeld zur Verfügung, kann man sich in das alte Hotel „Lago di Braies“ aus der Jahrhundertwende mit Blick auf den See einmieten.
Top Spot: Plätzwiese mit Strudelkopf
Die Plätzwiese ist eine Hochalm auf 2.000 Höhenmetern mit einem überwältigenden Ausblick auf die umliegende Bergwelt des Dürrenstein und der Hohen Gaisl. Wer weiter bis zur Dürrensteinhütte geht und idealerweise dort übernachtet hat den Monte Cristallo abends wie morgens im besten Licht.
Ca 1 Std mit moderatem Aufstieg entfernt, befindet sich der Strudelkopf. Zu diesem kann man, wenn man früh genug dem Schlaf ade sagt, eine leichte Nachtwanderung machen, um dort den Sonnenaufgang zu erleben.
Vom Strudelkopf aus genießt man einen der schönsten Rundblicke in den Dolomiten: Hohe Gaisl, Seekofel, Cristallo, Drei Zinnen … Die Liste bekannter Dolomitengipfel, welche von hier aus vor einem liegt, könnte vielfältiger kaum sein.
Top Spot: Seceda mit Geisslergruppe
Zusammen mit den 3 Zinnen sicher DER ikonische Spot für Landschaftsfotografen. Zudem von St Ulrich mit der Umlaufbahn in 2 Stufen problemlos zu erreichen. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen, so dass hier neben normalen Wanderern, sich alle Selbstdarsteller aller Internettummelwiesen dieser Welt hier produzieren. Kaum ein Moment ohne das Geheul kreisender Drohnen.
Letztes Jahr habe ich dort eine Nacht biwakiert. Das ist am Ende die allerbeste Option. Ein paar Fotobegeisterte hat man immer vor Ort, auch nachts. Aber den Sonnenauf- und untergang kann man in der Regel trotzdem genießen.
Hier hat man die Qual der Wahl, ob leicht von vorn (beim Seceda Gipfel geradeaus) von unterhalb der Sesselliftstation, oder direkt in Front von der Fermedaschräge aus der Nähe: die Perspektiven sind unendlich. Besonders bei schlechtem Wetter und Wolken eine kaum zu schlagende Location.
Top Spot: Seiser Alm
Von der Lage her sehr einfach von St Ulrich oder Seis am Schlern zu erreichen. Wandertechnisch eine sehr einfache Location. Die größte Hochalm Europas mit ihrem Grün der Wiesen und Bäume bildet einen fantastischen Kontrast zu den umliegenden, schroffen Bergmassiven.
Der klassische Fotospot ist hier unweit der St Ulrich Bergstation gegenüber dem Lang- und Plattkofel zu finden und meist als Sonnenaufgangsspot genutzt. Hier ist die Gegenlichtsituation aber durchaus herausfordernd. Der Sonnenuntergang läßt sich hier einfacher meistern.
Vom Ladinser Moos aus fotografiert hat der Schlern mit Santnerspitze und Euringerspitze ein besonders prägnantes Profil. Die Seiser Alm bietet aber auch – beispielsweise vom Puflatsch aus – faszinierende Ausblicke auf Lang- und Plattkofel.
Top Spot: Langkofel Umrundung
Hochalpines Gelände direkt aus der Nähe macht hier den besonderen Reiz aus. Die Tour hat es, insbesondere, wenn man einiges an Equipment mitschleppen möchte, durchaus in sich. Insbesondere die steilen Kehren in der Scharte zwischen Lang- und Plattkofel sollte man nicht unterschätzen. Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sollte man haben und auch nur angehen, wenn die Schneefelder sich komplett zurückgezogen haben.
Als Alternative bietet sich die 1 ½ Std. Wanderung über St- Christina (mit dem Sessellift über Monte Pana bis zum Monte de Seura) zur Langkofelhütte an. Der Weg ist nur an einzelnen Stellen ausgesetzt, ansonsten unkritisch. Dort kann man dann idealerweise in hochalpiner Umgebung übernachten.









































